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  • Deutsche Oper: Philipp Stölzl zeigt Gounods "Faust" als Latelife-Drama

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    »Faust«-Premiere in der Deutschen Oper Berlin: Viel Applaus für große Stimmen und einen phantastischen Chor, Buhrufe für Regisseure Philipp Stölzl trotz starker Bilder  Foto: © W. R. Frieling

    Wie weiland Stummfilmstar Rudolph Valentino tanzt der Teufel durchs Bild und zieht auch noch ein großes Schnäuztuch hervor, um sich seine Krokodilstränen abzuwischen. Seine Rechnung ist aufgegangen: Faust ist der Glitzerwelt erlegen, die er ihm als wahres Leben verkauft hat. Derweil zieht der stimmlich ausgezeichnete Chor in exakt einstudierten Freeze Frames, quasi eingefrorenen Bildern, als maskenhafte Hintergrundlandschaft auf der sich unablässig drehenden Bühne vorbei.

    Philipp Stölzl inszeniert »Faust« von Charles Gounod in der Deutschen Oper Berlin mit starken Bezügen zum Film. Die Premiere am 19.06.2015 riss das Publikum trotz starker Szenen in zwei Lager: Die Buh-Rufe übertönten teilweise deutlich den Beifall.

    Stölzl schildert das Drama um Faust, der seine Seele Mephistopheles verschreibt, um sein Leben nochmals neu zu beginnen, als Latelife-Crisis eines an den Rollstuhl und lebenserhaltene Maschinen gefesselten Greises. Der Alte möchte wieder jung sein und die Liebe noch einmal in vollen Zügen genießen. Er schließt einen Pakt mit dem dienstbaren Geist und verwandelt sich darauf in einen schimmernden Adonis im goldglitzernden Lurexgewand, dem die weiblichen Teenager in Trauben am Hals hängen. Mit Hilfe kostbarer Geschenke verführt er ein Mädchen, Marguerite, in das er sich spontan verliebt, dann aber wieder verlässt. Im Ergebnis bekommt die junge Frau ein Kind, das sie tötet und dafür zum Tode verurteilt wird. Faust will sie zwar im letzten Moment noch retten, doch sie erkennt in seinem Alter Ego den Teufel und befiehlt sich Gott.

    Um die Geschichte zu erzählen, kürzte der Regisseur Gounods 1859 in Paris uraufgeführte Oper um Szenen, die dem Erzählfluss in ihrer Langatmigkeit im Wege stehen. Er beginnt die Story dort, wo sie nach rund drei Sunden endet: Marguerite sitzt am Tisch ihrer Gefängniszelle neben einer Liege, auf der sie die Todesspritze bekommen soll. Warum allerdings das Mädchen durch eine etwas schlankere Darstellerin in vielen Szenen gedoubelt wird, damit also neben sich steht, erschließt sich dem Betrachter nicht und wirkt eher gekünstelt.

    Leider ist die Inszenierung, die sich wie ein Karussell um einen mächtigen Schornstein aus Stein dreht, in sich nicht immer schlüssig. Die Musik unter dem Dirigat von Marco Amiliato wirkt leidenschaftslos und stellenweise verwässert. Dafür brillieren in stimmlicher Hinsicht Ildebrando D´Arcangelo als serviler Mephistopheles und Krassimira Stoyanova als überreife Marguerite. Großer Gewinner des Abends jedoch ist der fantastische Chor der Deutschen Oper, der durch Stölzl Regiearbeit zur Hauptrolle profiliert wird.

    Von Philipp Stölzl hatte sich das Publikum offenbar mehr versprochen. Zwei, drei Regieeinfälle reichen nicht aus, um seine relativ verwöhnte Berliner Fanbase zu begeistern.

  • Hinter den Kulissen der Deutschen Oper

    Gerlinde – Deutsche Oper Berlin from I LIKE VISUALS on Vimeo.

    Einen kleinen Einblick hinter die Kulissen der Deutschen Oper gewährt ein Kurzfilm, den die Agentur I LIKE VISUALS gedreht hat.

    Fleiß, Erfahrung, Aufopferung – die Magie der Oper entsteht durch die Leidenschaft der Menschen, die sie möglich machen. Im Fokus des Films steht eine der wichtigsten Personen des Hauses – Spielleiterin Gerlinde Pelkowski, Urgestein und seit 1981 an der Deutschen Oper.

    Vor dem Hintergrund einer Inszenierung von Puccinis »La Bohème« gibt die Dokumentation Eindrücke aus dem Herzen des größten Berliner Opernhauses wieder. Das Ergebnis ist ein ungewöhnlicher Einblick in den Arbeitsablauf der Deutschen Oper.

  • »Ball der Sterne« in München

    Erstmals lädt das Deutsche Theater München zu einem »Ball der Sterne« am 7. Februar ein. Für die musikalische Untermalung sorgen die Münchner Symphoniker, Hugo Strasser und seine Big Band sowie die Band Da Capo.

    Zudem stehen Gesangseinlagen aus Klassik und Musical auf dem Programm. Mit Roberta Valentini wid die Hauptdarstellerin des Musical-Klassikers »Elisabeth« vorgestellt. Außerdem tritt der österreichische Tenor Nikolai Schukoff auf, der 2006 an der Bayerischen Staatsoper kurzfristig für Placido Domingo als »Parsival« einsprang.

    Tischplätze beim »Ball der Sterne« kosten € 48,00 bis € 88,00, Flanierkarten € 34,00.

  • Bregenzer Festspiele zwischen Zauberflöte und Wienerwald

    ©Bregenzer Festspiele:Anja Köhler

    Drei Drachenhunde bewachen die Seebühne der Inszenierung von Mozarts »Zauberflöte«
    ©Bregenzer Festspiele: Anja Köhler

    Mit zwei Opernpremieren, den »Geschichten aus dem Wienerwald« im Festspielhaus und der  »Zauberflöte« auf der Seebühne reüssierten die Bregenzer Festspiele 2004.

    HIER geht es zur Besprechung

  • Ein Orangenraub und seine Folgen

    Matthias Kramer, einer der profiliertesten internationalen Cembalo-Bauer und seine Lebensgefährtin, die Barockspezialistin und Dirigentin Giuliana Retali, mögen die Baleareninsel Mallorca. Nahe Manacor, im Osten der Insel, erfüllen sie eine behutsam restaurierte Finca mit Leben. Vor dort aus unternehmen sie ausgedehnte Spaziergänge und gehen dabei auf die Jagd nach ihrer Lieblingsfrucht, der Orange.

    Auf der Baleareninsel gilt das ungeschriebene Gesetz, dass zu Boden gefallene Früchte demjenigen gehören, der sie findet. Eines schönen Tages werden die beiden Spaziergänger jedoch beim Aufsammeln von einem Bauern erwischt, der das anders sieht. Er will die Touristen zur Kasse bitten. Als der Mallorquiner indes erfährt, dass Giuliana Italienerin und zudem mit Oper und klassischer Musik verheiratet ist, lädt er sie freudestrahlend in sein Haus ein, wo die beiden eine Überraschung erwartet.

    Die bäuerliche Kemenate entpuppt sich nämlich als das Haus eines erklärten Opernliebhabers. Der Landmann sammelt nicht nur Schallaufnahmen großer Opern, er trägt auch noch mit Inbrunst intonierte Arien selbst vor. Erstaunt spüren die Gäste, welche Glücksgefühle der Campesino mit Oper und Musik verbindet. Sie fühlen sich in einem Plan bestätigt, den sie schon länger im Herzen tragen: den musikalisch gesehen wüsten Osten der Insel mit Musikwerken zu beleben.

    Am 7. Juni 2014 soll der Wunsch von Kramer und Retali nun tatsächlich in Erfüllung gehen. Im Auditorium von Manacor, das im Oktober 2012 durch die finanzielle Unterstützung von Tennisstar Rafael Nadal eröffnet wurde, gibt es ein erstes Opern-Konzert unter der Stabführung von Giuliana Retali. Auf dem Programm stehen Arien aus Mozarts Da-Ponte-Zyklus »Hochzeit des Figaro«, »Don Giovanni« und »Cosi fan tutte«.

    Für die Darbietung wurde eigens das »Orquestra de l´Òpera de Manacor« gegründet, das aus Mitgliedern der Balearen-Sinfoniker und der Stadtkapelle »Banda Municipal de Palma« sowie aus Musikern des Konservatoriums besteht. Ramón Andreu, erster Geiger des Sinfonie-Orchesters, hat die Instrumentalisten sorgfältig ausgewählt. Für die Soli wurden Cornelia Zach, Agata Bienkowska, Juan Antonio Sanabria und Antonio Abete verpflichtet. Zur finanziellen Absicherung einer Aufzeichnung der Veranstaltung wurde eine Crowdfunding-Kampagne ins Leben gerufen.

    Ab 2015 möchten Kramer und Retali dem Publikum in Manacor dann komplette Opernaufführungen bieten. Angedacht sind zwei Mozart-Opern mit jeweils mehreren Vorstellungen pro Jahr. Abhängig ist natürlich alles von der Resonanz des einheimischen Publikums, dem Kramer allerdings viel zutraut. Manacor verfüge über eine lange Theatertradition, sämtliche Vorstellungen, egal ob es sich um Auftritte der örtlichen Theatergruppen oder Gastspiele handelt, seien ausverkauft, erzählt er. Nun entscheidet sich erstmals am 7. Juni, ob sich ausländische Residenten ebenso wie Mallorquiner angesprochen fühlen.

    Für einen Gast ist jedenfalls ein Ehrenplatz reserviert: Das ist der Orangenbauer aus Manacor, der den beiden »Räubern« den letzten Anstoß gab, ihre Idee zu verwirklichen.

  • Elina Garanča legt Biographie vor: Wirklich wichtig sind die Schuhe

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    Bevor sie sich zum zweiten Mal in die Babypause verabschiedet, legt Star-Mezzosopranistin Elina Garanca ihr erstes Buch vor. Unter dem Titel »Wirklich wichtig sind die Schuhe« erzählt sie ihren rastlosen Lebensweg aus dem lettischen Kuhstall auf die großen Bühnen dieser Welt.

    Die erst 37-jährige Opernsängerin startet ihre Erinnerungen mit dem Hinweis auf den Zwiespalt, mit dem viele gefeierte Künstler umgehen müssen, und das macht sie sympathisch. Auf der Bühne sind Sänger umjubelte Rollenstars in einer Welt des Zaubers, der Fantasie und der Emotionen. Schlüpfen sie aber in der Garderobe aus ihren Kostümen, dann sind sie nackt und allein.

    »Der Erfolg schützt den Künstler nicht vor der Einsamkeit«, weiß Garanča. Dabei wirkt das einstige »Bauernmädchen«, das in Riga mit der Crème de la Crème der Intellektuellen aufwuchs, alles andere als einsam. Die Mutter war ebenfalls Mezzo, die Großeltern hingegen Bauern, die sie an jedem Wochenende besuchte – unter anderem, um den Kühen auf den Wiesen kleine Dialoge oder Lieder aus dem Theater vorzutragen.

    Wie für viele andere Künstler aus osteuropäischen Staaten war auch für Elina Garanča ein Vorteil, aus der Welt des Mangels und der sozialistischen Selbstorganisation zu kommen. Für sie bedeutet es kein Problem, aus wenigen Zutaten ein schmackhaftes Mahl zu bereiten, und auch der Aufbau von IKEA-Möbeln stellt keine Hürde dar. Dafür waren Honorare in Westgeld die Erfüllung eines Märchentraums. Ihr erstes Honorar, ein Scheck über DM 9.000,- vom Staatstheater Meiningen begeisterte sie übrigens so sehr, dass sie ihn einrahmte und an die Wand hing – bis die Intendanz nachfragen ließ, ob sie denn den Betrag nicht gelegentlich einlösen wollte, man würde gern die Buchhaltung abschließen.

    Ihren Weg nach oben beschreibt Garanča als Hindernislauf, der ihr alles abverlangte. Nur durch eiserne Disziplin und das Ergreifen jeder sich bietenden Gelegenheit schaffte sie es, ihre Stimme über anfänglich anderthalb Oktaven hinaus zu erweitern und sich auch schauspielerisch für die Hosenrollen zu qualifizieren, in denen sie debütierte. Sie sieht ihren Erfolg als Frucht harter Arbeit, als »eine Art Perlenkette, bei der ich jede Perle mit Sorgsamkeit und viel Ehrgeiz aufgefädelt habe«. Auf diese Weise schaffte sie es scheinbar mühelos über Wien nach Salzburg, Zürich, Aix-en-Provence, London, Paris bis nach New York.

    Rangiert üblicherweise im Opernbetrieb die Sopranistin als Primadonna, ist die Mezzospranistin »Seconda Donna«. Elina Garanča stieg jedoch selbst zu einer der Primadonnen auf, ohne bislang in den Geruch einer Diva zu kommen. Den Weg ihrer steilen Karriere beschreibt sie anschaulich und schlicht. Dazu zählen ihre Heirat mit Karel Mark, ihr Vertrag mit der Deutschen Grammophon, die erste Solo-CD, aber auch die Bekanntschaft mit anderen Stars der Opernwelt wie der Sopranistin Anna Netrebko, mit der sie in Bellinis »I Capuletti e i Montecchi« in einer der berühmtesten Liebhaber-Rollen der Weltliteratur brillierte.

    Garanča macht der Bühnenzauber, also die Stimmung, das Singen, der Applaus, süchtig. »Er kommt ohne Vorwarnung und vergeht, ohne dass man ihn greifen könnte.« Für sie spielt die Familie eine wesentliche Rolle aus Ausgleich, um eines Tages nicht in Leere und Einsamkeit alt werden zu müssen. Ihr Buch, das die für eine Biografie eigentlich viel zu junge Künstlerin Ida Metzger und Peter Dusek diktierte, beschreibt diesen Balanceakt anschaulich und wird dadurch zu einer interessanten und spannenden Lektüre.

    Elina Garanča: Wirklich wichtig sind die Schuhe

    Ecowin Verlag, Salzburg. ISBN 978-3-7110-0045-3

     

  • Gustavo Dudamel lässt die Wiener Philharmoniker tanzen

    Es mag nebensächlich sein: Doch wenn ich eine CD auspacke und mir als erstes eine ganzseitige Anzeigenseite der Luxusmarke »Rolex« ins Auge springt, reagiere ich voreingenommen. Mir ist klar, dass Sponsoren wichtig sind, in diesem Fall stellt sich die Schönbrunner Veranstaltung damit in das Licht derjenigen, die ihren Wohlstand gern zeigen, und das wird möglicherweise einem Teil des Wiener Publikums gerecht - der dargebotenen Kunst indes eher weniger.

    Denn Gustavo Dudamel, dessen herausragendes Talent als Nachwuchsdirigent diese CD qualitativ bestimmt, steht gerade dafür ein, mit den Ärmsten der Armen zu musizieren und sein eigenes Orchester quasi aus dem Staub der Straße entwickelt zu haben. Insofern stehen Dudamel und Rolex für die immer weiter auseinander klaffende Schere zwischen Arm und Reich, die sich auch in der Musik spiegelt.

    Dieser Einwand soll nun keinesfalls an den verdienten fünf Sternen der Produktion kratzen. Denn musikalisch bieten die Wiener Philharmoniker unter Dudamels Stabführung Hörgenuss der Spitzenklasse. Die spritzig einleitende Polonaise aus der Oper »Eugen Onegin« passt übrigens ausgezeichnet zur Zielgruppe des erwähnten Sponsors, denn Komponist Tschaikowsky spricht mit seinem Werk direkt Aristokraten und Gutsbesitzer an. Das ändert sich aber bereits bei Mussorgsky und Borodin, hier wird bereits eine wesentlich größere gesellschaftliche Spannbreite hörbar. So handelt Mussorgskys mysteriös-orientalischer »Tanz der persischen Sklavinnen« aus seinem unvollendeten Musikdrama »Chowanschtschina« vom Auftritt der Tänzerinnen, die damit Titelheld Oberst Chowansky betören, bevor dieser ermordet wird.

    Neben den melancholisch-wild tanzenden Russen kommen Richard Strauss´ »Tanz der Sieben Schleier« aus »Salome«, Amilcare Ponchielles berühmter »Tanz der Stunden« aus »La Gioconda« und als Zugabe eine Zarzuela, Jerónimo Giménez »Intermezzo« aus »La boda de Luis Alonso«, in dem Konzert zu Gehör. Den eigentlichen musikalischen Höhepunkt des Programms bildet jedoch Claude Debussys Opus »La Mer«.

    Mit Debussy feierte die Musikwelt 2012 den 150. Geburtstag eines wichtigen Wegbereiters der Moderne. Mit seinen als »La Mer« 1905 (übrigens zufällig das Rolex-Gründungsjahr) zusammengefassten drei symphonischen Skizzen für Orchester schuf der Franzose eine von akademischen Regeln und Lehren befreite Musik, die dem »ewigen Rhythmus« von Wellen, Wind und Natur gehorchte und es dem Orchester wie der Zuhörerschaft nicht ganz leicht macht.

    Unter Dudamel werden die Stücke zu einem furiosen Tanz durch die Musik des ausklingenden 19. Jahrhunderts aufbereitet. Mal wird wild und gefühlsbetont getanzt, dann geht es wiederum lasziv und verführerisch zu, und schließlich löst sich alles in einem einzigen Rausch der Klänge auf.

    Dances and Waves
    Wiener Philharmoniker
    Gustavo Dudamel
    Summer Night Concert Schönbrunn 2012

    http://www.amazon.de/gp/product/B007TSPQDC

     

  • Wagners Erstling »Die Feen« jetzt auch für Kinder

    Bereits in jungen Jahren versuchte sich Richard Wagner, Spross einer vielköpfigen Theaterfamilie, als Dichter und Komponist. In jungen Jahren entstanden Schauergeschichten, die er wohl auch vertonte, dann aber wieder in den Papierkorb warf. Auch »Die Hochzeit«, seine allererste Oper, hat seinen eigenen Kriterien nicht standhalten können und ist unauffindbar. So gilt »Die Feen«, eine romantische Oper in drei Akten, die Wagner am 1. Januar 1834 vollendete, als früheste Oper des Komponisten.

    Zwar wurden »Die Feen« erst fünf Jahre nach dem Tod ihres Schöpfers am 23. Juni 1888 erstmals aufgeführt, danach erfreute sich das Stück jedoch erstaunlicher Beliebtheit. Heutzutage wird der musikalisch spannungslose Dreiakter selten vollständig dargeboten, zu wenig ist von der späteren Meisterschaft des Tondichters zu hören. Bekannter hingegen dürfte die zwölfminütige Ouvertüre sein, die dem ersten Akt vorangestellt ist und einen kleinen Vorgeschmack auf das spätere Wagner-Schimmern der Streicher gibt.

    An der Wiener Staatsoper wurde 2012 Wagners Jugendwerk nun eingedampft, um sie Kindern vorstellen zu können. Diese hauseigene Fassung liegt jetzt als DVD vor. Die ursprüngliche Geschichte wurde dabei ebenso wie das Personal der Oper verschlankt, um die bei Wagner noch durchaus verwickelte Story von wahnsinnigen Zauberwesen, achtjährigen Frageverboten, Täuschungen, Meineiden und Ungeheuern der Unterwelt in eine auch für jüngste Opernbesucher verständliche Handlung zu bringen: Prinz Arindal erschießt auf der Jagd im Zauberwald ein Reh, das sich als die Fee Ada entpuppt. Die beiden verlieben sich ineinander und wollen nie wieder auseinandergehen.

    Wie es bei solchen Absichtserklärungen kaum anders sein kann, wird der Königssohn zum Dienst am Hof gerufen: Sein Vater verstarb, das Reich wird von Feinden bedroht, und seine Anwesenheit ist dringend erforderlich. Der Feenkönig gestattet Arindal, den Zauberwald zu verlassen. Sollte er jedoch nicht innerhalb eines Jahres zurückkehren, werde seine geliebte Ada in Stein verwandelt werden.

    Es lässt sich absehen, dass Staatsgeschäfte, Freunde und Verwandte den frisch gebackenen König in Beschlag nehmen. Die Frist verstreicht. Als Arindal endlich zu seiner Traumfrau zurückkehrt, findet er sie versteinert vor. Nun hilft nur noch die Macht der Liebe, die sich in der Oper durch die Kraft des Gesangs ausdrückt, um den Fluch zu lösen. Arindal (Gergely Németi) singt eine kraftvolle Arie, Ada (Daniella Fally) wird wieder erweckt, die beiden leben glücklich bis ans Ende ihrer Tage.

    In dieser unverfänglich-schönen Fassung lässt sich Wagners Erstling auch Kindern »verkaufen«, und das gelingt gut, wie die vorliegende DVD beweist. Gleichzeitig wurde das Orchester geschrumpft auf Klarinette, Horn, Schlagwerk, Harfe, Streicher und Klavier.

    Neben den gern für Kinder aufbereiteten Opern wie Mozarts »Zauberflöte«, Prokofjews »Liebe zu den drei Orangen«, Humperdincks »Hänsel und Gretel« und Offenbachs »Hoffmännchen« gesellt sich nun also auch Richard Wagners Opus. Humperdinck ausgenommen spielen interessanterweise alle Stücke in Phantasie- und Märchenwelten. Hier passen »Die Feen« optimal hinein. Eine sehens- und hörenswerte Aufnahme, die auch jüngsten Musikfreunden großen Genuss schenkt.

  • Ausser Rand und Band: »Wagner for Sale«

    Wagner for Sale
    Die Beschäftigten von »Ring und Gral« kommen ins Schwitzen: Wagners 200. Geburtstag naht.    Foto: © Neuköllner Oper

    Wenige Tage vor dem 200. Geburtstag von Richard Wagner am 22. Mai 2013 präsentiert die Neuköllner Oper »Wagner for Sale«, ein knapp einstündiges Stück von und mit Sommer Ulrickson und Moritz Gagern. Das Stück reißt viele Fragen an, die um den Wagner-Mythos ranken. Es gibt Denkanstöße, sich mit dem größten deutschen Komponisten auseinander zu setzen und leistet dies, indem Ultrakurzzitate aus Leben und Werk mit musikalischen Versatzstücken munter gemischt werden.

    »Wagner for Sale« spielt im Büro der Firma »Ring und Gral«, in dem die Beschäftigten alle Hände voll zu tun haben, um die Nachfrage für originelle Fanartikel, darunter auch einen »Guide to survive Wagner« zu versenden. Das Team arbeitet chaotisch und erweckt kaum den Eindruck, es habe das Wagner-Merchandising im Griff.

    Sekretärin Hilde (Sommer Ulrickson) verfällt in Zuckungen, sobald Wagner erklingt. Teamchef Ludwig (Moritz Gagern) befasst sich lieber mit einem unaufgelösten Dur-Akkord statt Päckchen zu packen. Lagerist Horst Tristan (Christian Bo Salle) verheddert sich derweil im Klebeband, ihn interessieren biografische Feinheiten mehr als die Bestellungen seiner Kunden. Teammitglied Elsa (Olivia Stahn) hört nur dann auf zu singen, wenn man ihr einen Ring (eine gut zu Wagner passende Idee) vom Finger zieht.

    Besonders inspiriert scheinen die Beschäftigten von »Ring und Gral« durch die revolutionäre Frühphase des Komponisten, der mit Anarchisten bekannt war, sich vehement für die Reform des Theaterbetriebes einsetzte und dafür auf die Barrikaden ging, um schließlich sogar fliehen zu müssen und steckbrieflich gesucht wurde. Konsequent bestellt das Team allerlei Chemikalien, die offensichtlich dazu dienen sollen, Wagners kompositorische Sprengkraft auch konkret unter Beweis zu stellen. Dazu wird immer wieder auf die »Erlösung« verheißenden Botschaften einiger Wagner-Opern verwiesen. Bevorzugt wird dabei mit Elementen des Slapsticks und Versatzstücken gearbeitet.

    So vergnüglich das Geschehen auf der Bühne ist: Es bleibt die Frage, ob es ausreicht, das Publikum mit einer eher marmeladig-indifferenten Botschaft zu entlassen. Denn was ist nun mit dem Heilsversprechen und Erlösung? (Derartiges wird inzwischen selbst Krisen-Kanzlerin Merkel angedichtet.) Welche Rolle spielt die Judenfrage in der Weltanschauung des Meisters? (War es Zeitgeist, Überzeugung oder doch nur Anbiederung zwecks Anerkennung durch die seinerzeit extrem antisemitische Oberschicht …) Welche Sprengkraft haben Wagners Werke heutzutage wirklich?

    Es sind viele Aspekte, die in der Inszenierung angerissen werden. Allerdings bieten sie Anlass zu weiteren Fragen, zu Gesprächen, Austausch und Diskussion – und das tut dem Mythos um Wagners Persönlichkeit ebenso gut wie dem Zugang zu seinen Tondichtungen.

    Weitere Berichte über die Neuköllner Oper im OpernBlog
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    Richard Wagner: Genius oder Arschloch?
    Interview mit Ruprecht Frieling

  • Das große Heft - Skandal einer Operninszenierung ohne Skandal

    "Das große Heft" heißt ein Roman von Ágota Kristóf und so lautet auch der Titel der Oper, deren Libretto von Ralf Waldschmidt, dem Intendanten der Städtischen Bühnen Osnabrück und dem Komponisten Sidney Corbett gemeinsam daraus verfaßt wurde. Das Heft, in das Zwillinge, neunjährige Jungen, ihren Überlebenskampf in einer durch Kriege unmenschlich gewordenen Welt tagebuchartig notierten. Es ist ihr Mittel sich der (Selbst-)Zerstörung zu entziehen. Die Vorlage verspricht eine Oper von shakespearischer Dramatik.

    Sidney Corbett - Jahrgang 1960, in Chicago geboren - ist kein Unbekannter in der heutigen Komponisten-Generation mehr. Der Amerikaner, seit Jahren in Berlin mit seiner Familie lebend und in Mannheim lehrend, hat sich als Ligeti-Schüler schon durch beachtliche Neuschöpfungen hervorgetan. Nun erhielt er von den Städtischen Bühnen Osnabrück den Auftrag zu einem weiteren Werk, seiner vierten Oper; und der Stoff: das so überaus erfolgreiche Buch der Ungarin Ágota Kristóf (1935 - 2011), worin sie Teile ihrer düsteren Biografie verarbeitet hat. Infolge der politischen Umwälzungen in ihrem Land immigrierte die Autorin 1956 in die französisch sprechende Schweiz. Erst spät und in mühsam für sie zu erlernendem Französisch begann sie zu schreiben und zu veröffentlichen - 1986 "Das große Heft".

    Beckett'sche Strenge

    Waldschmidt hatte Kristófs Buch gelesen und Corbett geschenkt. Der Komponist war schockiert - unmöglich, so etwas zu vertonen, dachte er, Vater von 3 Kindern. In einem Zug hatte er das Buch auf einer Fahrt von Mannheim nach Berlin gelesen und darüber weinen müssen, wie es im Programmheft heißt. Aber dann inspirierte ihn doch diese ungewöhnliche literarische Form, mit dem ein Inhalt von so grauenvoller Menschlichkeit vermittelt wurde. Er entwickelte eine dazu passende Musiksprache von ebenfalls ganz ungewöhnlicher Art. Das Orchester, was nicht einmal eine dominierende Rolle zu spielen hat, besetzte er zu einem großen Teil mit Perkussion-Instrumenten, darunter auch Eisenketten und Ölfässer. Getragen wird die Oper aber von den Stimmen des Stückes, den Zwillingen, der Großmutter, dem Offizier, Hasenscharte, dem Herrn Pfarrer, der Magd, der Mutter etc. Sie alle haben keinen Namen, sind nur "die Zwillinge", "die Großmutter". Reduzierungen von Beckett'scher Strenge. Anders war für die Autorin eine Realität verrohter Unmenschlichkeit nicht darstellbar. Und Corbett folge ihr genial. Die Farbigkeit des klassischen Symphonie-Orchesters reduzierte er zu trockenen Synkopen von Blech und Schlagzeug. Streicher und Holzbläser, dünner besetzt, spielen weitgehendst nur eine solistische Rolle als Töne der Gestaltung von ausdrucksstarker Symbolik und in eine gefühllose, unbarmherzige Zukunft weisend.

    Kaum ein Roman macht deutlicher, wie ständiger und allgegenwärtiger Krieg die Zivilisation der Menschheit zerstört und eine Rückwärtsentwicklung in Ur-Zeiten zur Folge hat. Die Menschen - auch Kinder schon - verkümmern zu seelischen Krüppeln. Leider beginnen hier Schwächen der Oper durch Zugeständnisse an ein bürgerliches Theaterpublikum. Man scheute das Wagnis, zu stark zu verstören. Man wich dem Skandal aus.

    Die Zwillinge gehen nicht zur Schule. Statt dessen verordnen sie sich Lernen aus einem alten Sprachbuch ihres Vaters und der Bibel, die sie bei der Großmutter finden. Sie lernen sie auswendig. Um Seele und Körper abzuhärten, führen sie täglich Übungen in Grausamkeit aus, in dem sie zum Beispiel erst Tiere und dann auch Menschen töten, und sie lernen lügen stehlen und betrügen. Moral ist den Menschen in diesem Buch und so auch der Oper längst abhanden gekommen. Und dennoch erscheinen die "Hundesöhne", wie die Großmutter die Zwillinge nur nennt, nicht als Monster.

    Die Inszenierung der Uraufführung in Osnabrück von Alexander May beginnt mit dem Brudermord von "Kain und Abel", der von der Erzählerin des Stückes vorgetragen wird. Das Buch von Ágota Kristóf kann auf solche "Interpretationen", die eher irritieren, verzichten. Sie kommen bei ihr nicht vor. Die Autorin benötigt religiöse Deutungsversuche für die Welt von heute nicht. Im Gegenteil. Das Buch ist von eisiger realer Kälte durchzogen und durchgehend konkret. Die Zwillinge halten wie Pech und Schwefel zusammen. Es bleibt offen, ob sie nicht gar ein einziges Wesen sind. Nur so haben sie nämlich die Chance, den Überlebenskampf zu bestehen.

    Die Großmutter

    Eine weitere Inszenierungs-Schwäche der Oper zeigt sich bei der Großmutter, obwohl sie ganz exzellent von der Bremer Kammersängerin Eva Gilhofer dargestellt und gesungen wird. Es heißt zu ihr in dem Roman, dem "großen Heft", in das die Zwillinge alles eingetragen haben, was sie sehen und erleben, doch erst, nachdem sie geprüft haben, das es auch wahr ist:

    "… Bevor wir zu ihr zogen, wussten wir nicht, dass unsere Mutter noch eine Mutter hatte. Wir nennen sie Großmutter. Die Leute nennen sie die Hexe. Sie nennt uns "Hundesöhne". ….. Ihr Gesicht ist voll Runzeln, brauner Flecke und Warzen. … Großmutter wäscht sich nie. … Sie trägt keine Unterhose. Wenn sie urinieren muss, bleibt sie stehen, wo sie sich gerade befindet, macht die Beine breit und pisst auf die Erde unter ihren Röcken. … Großmutter zieht sich nie aus. …"

    Hier - auf den ersten Seiten des Romans - macht die Autorin schon klar, in welcher Welt von verrohter Zivilisation ihre Erzählung angesiedelt ist. Dem folgt die Oper nur bedingt. Dort ist die Großmutter zwar hart und knurrig, aber überwiegend doch noch eine "Großmutter" - manchmal sogar eine Oma. Der Roman zeigt diese Frau dagegen, die ihren Mann vergiftet hat, im Dorf Hexe genannt wird, in dem sozialen Rahmen, in den die unschuldigen Kinder, ihre Enkel jetzt aufgrund der Kriegs-Ereignisse geraten sind. Sie lässt sie widerwillig auf der Holzbank in der Küche schlafen. Für das karge Essen müssen sie arbeiten. Zu den Auslassungen der Opern-Inszenierung gehört auch eine Sodomie-Szene mit "Hasenscharte" und ihrem Hund. Dafür werden körperliche Verletzungen zur Abhärtung des Schmerzempfindens drastischer dargestellt. Der in dieser Szene auftretende Kinderchor hält sich die Augen vor den grauenhaften blutigen Selbstverstümmelungen der Zwillinge zu. Bunte Luftballons, mit denen die Kinder des Chors spielen, unterstreichen den kaum auszuhaltenden Gegensatz von Idylle und Brutalität.

    Zum Ende hin steigert sich auch die Handlung der Oper zu immer knapperen Sequenzen voller Logik und Stimmigkeit, so dass die Endszene mit dem plötzlich aus dem Gefängnis aufgetauchten Vater eine enorme Überzeugungs-Kraft gewinnt. Die Musik Corbetts begleitet Handlung und Personen zu starken emotionalen Höhen. Der Vater muss sterben. Seine Kinder wissen es. Sie helfen ihm, in dem sie ihn auf eine Mine in den Tod laufen lassen. Damit einer von ihnen die Grenze - eine Grenze - welche Grenze? zu einem anderen - besseren Land? - überschreiten kann? Auch das - wie Vieles in dem Stück - bleibt offen. So wird dem Publikum überlassen, welche Schlüsse zu ziehen sind.

    Corbetts Oper hätte einen Skandal verdient

    Theater, auch Musiktheater, braucht für seine Aufmerksamkeit den Skandal. Das Publikum, für das die Kompositionen und Inszenierungen gemacht werden, muss sich getroffen fühlen und bis zu "Prügeleien" erregen. So kennen wir es aus Zeiten, wo Opern noch für Schlagzeilen sorgten. Corbetts "Das große Heft" hätte solches Aufsehen verdient. Doch das Premierenpublikum in Osnabrück war zwar teilweise schockiert, wie vereinzelt nach der Aufführung zu hören war, applaudierte auch lange, doch insgesamt artig und angemessen den Darstellern und Musikern. Beim folgenden Büfett war die Stimmung eher ausgelassen. Damit zeigt sich außerhalb des Stückes ebenfalls schon der Prozeß der Abhärtung, den die Zwillinge im Kampf ums Überleben sich verordnen, der also in der Realität bereits gegenwärtig und wirksam angekommen zu sein scheint. Die Kriegsbilder in den Medien, täglich zum Abendbrot und auch sonst, serviert, lassen harmlos erscheinen, was hier genial mit Mitteln der Kunst vorgeführt wird. Das Publikum ist offenbar bereits immun gegen diese verbrecherische, grausame und mafiöse Gewaltmaschinerie, die Ursache für Kriege und die Verrohung der Kinder und Menschen in dem Roman und der Oper sind. Wirklichkeit wird verdrängend als Spiel hingenommen. Man will leben! Unterhaltsam und vergnügt leben. Dazu gehört dann auch ein grausames Spektakel wie diese Opernpremiere.

    Die Inszenierung macht Zugeständnisse. Sie lässt weg oder spart aus. Sie nutzt nicht ihre künstlerische Freiheit, sondern folgt dem Mainstream. Libretto und Inszenierung klammern sich fast ängstlich an den großartigen Roman von Ágota Kristóf und schaffen es nicht, sich von diesem Literatur-Schwergewicht zu lösen. Davon zeugt das Vorhandensein einer Vorleserin, die auf der Bühne nicht sichtbar und damit auch musikalisch von Corbett nicht integriert wurde. Die sonst so kreative Neuschöpfung des modernen Musiktheaters verfehlt damit leider, was sie hätte werden können. Aber trotzdem darf man allen Beteiligten der Städtischen Bühnen dankbar sein und auf weitere Realisierungen anderer Häuser mehr als gespannt warten. Das Stück erlaubt durchaus, die Akzente auch anders zu setzen.

    Auf die ganz hervorragenden Leistungen der Schauspieler/Sänger sowie der perfekten Interpretation des Orchesters unter der Leitung seines GMD Andreas Hotz weisen inzwischen zahlreiche Rezensionen vieler maßgebender Medien begeistert und lobend hin.

    Mehr zum Inhalt der Story "Das große Heft" von Ágota Kristóf enthält meine Rezension im "Literaturzeitschriftblog".

    Weitere Aufführungen: Städtischen Bühnen Osnabrück - Spielplan

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